Mutter sein ist nichts für mich

Ich stelle mir gerade eure missbilligend gehobenen Augenbrauen vor, wenn einige von euch auch nur den Titel dieses Blogs lesen:"Mutter sein ist nichts für mich!" - ein Statement zu einem heiklen Thema, vielleicht sogar ein Tabu?

Ich las in den sozialen Medien von der Studie einer israelischen Soziologin. Die Studie heisst "Regretting Motherhood" (Bedauern der Mutterschaft). Mütter beschreiben dort, dass sie bereuen sich für ein Kind entschieden zu haben und dass sie sich jetzt, da sie wissen wie es ist, gegen Kinder entscheiden würden.

Einerseits bewundere ich die Offenheit dieser Mütter, andererseits war ich schockiert über ihre Aussagen. So oder so; es hat mich zum nachdenken gebracht, denn auch in meinem Umfeld treffe ich es nicht selten an, dass Frauen mit der Rolle des Mutterseins ihre liebe Mühe haben...

 

"was wir geteilten Herzens tun, muss zerfranst ankommen."

Autor unbekannt


Was passiert denn wenn man Mutter wird? Mein Leben wird plötzlich nicht nur noch von mir bestimmt, sondern fremdbestimmt. Da ist ein Wesen (oder zwei, drei...),  das Aufmerksamkeit braucht und einfordert. Ich kann nicht mehr nur für mich entscheiden, sondern muss immer zuerst an meine Kinder denken. Sie geben den Rhythmus und die Struktur vor. Sie engen mich ein und hindern mich an meiner Freiheit. Sie sind mehr als ein Job, denn sie erfordern 24 Stunden Betreuung. Wenn ich mal meine Ruhe möchte, dann möchten sie kuscheln, spielen und erzählen. Wenn ich mich nach Frieden sehne, sind sie am streiten. Ja, auch ich muss zugeben, wenn ich gewusst hätte was mich alles erwartet, hätte ich zweimal leer geschluckt... Es ist schon gut wusste ich nicht was mich erwartete, so kann ich mit den Anforderungen wachsen, ohne schon im Vorfeld an ihnen zu verzweifeln. Dazu kommt noch das Emotionale; denn es sind ja MEINE Kinder und ich liebe sie. Aber mit dem Lieben kommt das Sorgen und das Angst haben. Es kommen auch Gefühle auf, deren Existenz mir vorher nicht in dieser Intensität bewusst waren; nämlich die dunkle Seite von mir - die egoistischen, wütenden, aggressiven Gefühle. Sie brodeln manchmal wie Lava im Untergrund und wenn es heiss genug ist, dann gibt es eine Eruption, welche meine Kinder zu spüren bekommen. Im Nachhinein, wenn die Lava erkaltet ist, sieht man noch die Furchen der Zerstörung, als Mahnmal an mein mütterliches Versagen. Gefühle des Versagens - ein Dauerbegleiter...

 

Ihr seht; auch ich kann sagen "Mutter sein ist nichts für mich!" ABER...

Ich bin nicht Mutter für mich - ich bin Mutter für meine Kinder!

Deshalb stimme ich der Aussage "Mutter sein ist nichts für mich" auch zu, denn es ist FÜR meine Kinder. In meiner Rolle als Mutter dreht sich die Welt nicht in erster Linie um mich und was ich brauche, sondern der Fokus liegt auf den Kindern. Was brauchen sie? Wie kann ich sie ausrüsten, damit sie fähige und integere Persönlichkeiten werden? Wie vermittle ich ihnen Werte und Richtlinien, damit sie in unserer Gesellschaft einen Unterschied machen können? Wie setze ich ihnen Grenzen, gebe ihnen Schutz und Liebe, damit sie vertrauensvolle Beziehungen aufbauen können? Das sind die Fragen, die mich in meiner Rolle als Mutter beschäftigen sollten und nicht wie ICH zu meinem Recht und zu MEINER Zeit komme. Die Frage sollte nicht sein, was ist mir nicht mehr möglich, sondern was IST möglich? Mit meinen Kindern? Mit meiner Familie?

Wenn ich jetzt meinen Eintrag beenden würde, dann würde mein Text Folgendes aussagen: Mach deine Kinder zum Mittelpunkt; es geht nur um sie und nicht um deine Bedürfnisse. Ich würde uns auffordern zu einer Übermutter zu werden, zu einer von denen, die wir alle in unserem Bekanntenkreis meinen zu kennen. DIE Mutter, die in ihrer Aufgabe aufgeht ohne Zweifel, wenn und aber. Die Mutter die alles tut für ihre Kinder, keine Nacht mehr durchschäft und lächelt dabei, ihre Sprösslinge individuell fördert und 365 Mal im Jahr ein anderes Znüni in die Schule mitgibt. Die perfekte Mutter eben. Wäre ich eine perfekte Mutter, würde ich mir die Fragen zu meiner Rolle als Mutter gar nicht erst stellen.

Und trotzdem bin ich überzeugt von dem was ich schreibe; Mutter bin ich nicht für mich, sondern für meine Kinder. 

Bevor ich Mutter wurde, war ich  jedoch schon Tochter, dann Frau und Freundin, Berufsfrau und Ehefrau, Mentorin und Seelsorgerin. Ich bin nicht "nur" Mutter und habe die anderen Aspekte meines Lebens auch nicht aufgegeben, als ich Kinder bekam. Mutter sein heisst nicht, alle anderen Rollen sterben zu lassen oder von mir abzutrennen. Die Kunst ist, all die Rollen zu integrieren oder sie für eine Zeit zurückzustellen!  

Ein schönes Bild, das mir persönlich hilft mit meinen alltäglichen Rollenkonflikten ist das Knüpfen eines Freundschaftsbandes:

Dazu brauche ich verschiedenfarbige Fäden. Immer mit einem Knüpfe ich und dazu brauche ich die anderen. Keiner darf ausgelassen werden, denn sonst gibt es ein Loch oder das Muster wird ungleichmässig. Ich nehme also alle Fäden immer mit, auch wenn sie nur eine passive Rolle spielen. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt und sie werden aktiv und sind an der Reihe mit knüpfen.

So geht es mir in meinem Leben mit den Rollen und Fähigkeiten, die ich zur Verfügung habe. Mutter sein ist ein Faden. Ich BIN Mutter und dieser Faden bestimmt das Muster meines Lebens mit. Manchmal ist es mühsam mit diesem Faden zu knüpfen, denn er fühlt sich anstrengend und widerspenstig an. Die Farbe "Mutter" bestimmt weite strecken mein Muster. Aber genau in diesen Zeiten mache ich mir bewusst; da sind noch die anderen Fäden und die gehören auch zu mir! So kommt dann plötzlich der Faden der "Freundschaft" dran und damit knüpfe ich eine Reihe fröhliche Ungezwungenheit mit meinen Freundinnen ins Muster. Vielleicht nur eine Reihe, aber genau die braucht es, damit das gesamte Muster ausgeglichen und schön wird. Danach knüpfe ich voller Freude mit dem "Mutterfaden" weiter, denn die Freundschaft hat mir Karft gegeben und mir gezeigt, dass ich mehr bin. Dann gibt es da regelmässig eine Reihe "Ehezeit", die erinnert daran, weshalb ich mich für dieses Leben entschieden habe und dass ich nicht alleine bin. All das wird ganz oben von einem Knoten zusammengehalten, für mich ist das Gott. Er hält mein Leben in seinen Händen und kennt meine geliebten und weniger geliebten Fäden und Farben. 

 

Von diesem Blickpunkt aus wird das Muttersein ins rechte Licht gerückt; selbst wenn ich Mutter bin, nimmt das nicht mein ganzes Sein und Tun ein; denn ich bin mehr! Wenn ich auch den anderen Aspekten meines Lebens Aufmerksamkeit und Gewicht gebe, dann kommt bei mir das Gefühl "zu kurz zu kommen" weniger auf. Klar, im Moment knüpfe ich mehr mit dem Faden "Mutter" als mit jedem anderen, aber ich mache mir stets bewusst: die anderen Fäden brauche ich, sie sind da und gehen nicht in Vergessenheit. Irgendwann braucht meine Mutterrolle weniger intensiv Zeit und dann hole ich den Faden "Berufsfrau" oder "Seelsorgerin" wieder mehr hervor. Wenn ich das ganze Muster meines Lebens im Auge behalte, dann wird es zu einem schönen Ganzen, das Jetzt wird absehbar und ich weiss, andere Abschnitte warten auf  mich.

Eine Frage ist für mich auch immer: Was gibt mir Identität? Wenn ich meine Identität nur in meinem Job hatte, ja dann verliere ich mir dem Job, wegen den Kindern, mein Ich und werde unzufrieden. Geben nur meine Kinder mir Identität, dann klammere ich mich an sie und wenn es in meiner Beziehung zu ihnen nicht harmonisch läuft, kriege ich die Krise. Gelingt es mir aber meine Identität losgelöst von nur einer Rolle zu finden, ist mein Glück auch nicht  abhängig von einem Faden, sondern das Ganze Muster macht mich aus. Wenn ich meine Identität in Gott habe, dann ist es nicht einmal so wichtig welche und wie viele Fäden an mein Leben geknotet sind; Gott hält sie zusammen. Und wenn mein Leben "nur" aus drei Fäden besteht, dann ist das in Gottes Augen nicht weniger wert als zehn Fäden, denn er liebt mich in meinem SEIN und nicht in meinem TUN. In meinem Leben ist Er der "Knopf" der mich zusammenhält - der Anfang und das Ende!

 

Wenn mir dieser Perspektivenwechsel gelingt, dann kann ich sogar Freude haben an meiner Mutterrolle. Meine Kinder nehmen mir nichts weg, sie fügen meinem Leben einen Faden hinzu. Sie sind keineswegs das ganze Muster, das mein Leben ist, sondern EIN Teil des Musters. Sie sind nicht wegzudenken, denn sonst hätte ich grosse Löcher in mir, sie können auch nicht einfach ignoriert werden, denn sonst wird alles unregelmässig und eintönig. Meine Kinder können was sonst fast kein Mensch kann; sie lieben mich bedingungslos, vergeben mir wenn ich sie darum bitte, vertrauen mir ohne wenn und aber und fordern mich heraus, authentisch und echt zu sein. 

 

Deshalb: Mutter sein ist nichts FÜR mich - ABER ich liebe es!


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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Donnerstag, 01 September 2016 11:10)

    Vielen Dank für Deinen Text! Nach 20 Jahren Mutter sein fällt mir auf dass viele jungen Mütter zwar unbedingt Kinder wollen,sind sie dann mal da möchten sie ihr altes Leben aber um keinen Preis aufgeben. Nach ein paar Wochen fällt ihnen dann schon die Decke auf den Kopf. So schnell wie möglich wollen sie wieder arbeiten gehen weil sie es zu Hause einfach nicht aushalten (was hat einem so ein kleines Würmchen denn schon gross zu erzählen..?), sie wollen in den Ausgang, ihren Hobbys nachgehen etc. Und wenn sie dann ihren "Ausgleich" hatten- haben sie dann wirklich noch Nerven für das Kind das jetzt eigentlich die ganze Aufmerksamkeit des Mamis verdient hätte?
    Ich bin da wohl altmodisch, aber nach wie vor der Meinung wer A sagt muss auch B sagen. Kinder brauchen Zeit! Und die habe ich mir jetzt 20 Jahre genommen. Nicht dass ich mich aufgegeben hätte. Hey,ich bin auch ein Mensch mit Bedürfnissen! Aber die habe ich teilweise gerne zurückgestellt- um sie jetzt in vollen Zügen zu geniessen. Mir bleiben ja noch 30 Jahre oder so...;-)